Ein Artikel in der WELT+ vom 2. Januar 2026 hat darüber berichtet, dass man anhand von Veränderungen im Schlaf zehn Jahre vorher schon sehen kann, ob man später Parkinson bekommt. Viele dieser Erkenntnisse sind auch für Menschen mit Multisystematrophie (MSA) und ihre Angehörigen relevant, weil MSA zur gleichen Krankheitsgruppe der Alpha‑Synukleinopathien gehört wie Parkinson.
Was im Schlaf im Gehirn passiert
Im WELT‑Artikel „Daran können wir zehn Jahre zuvor sehen, ob ein erhöhtes Parkinson-Risiko besteht“ erklären Schlafmediziner, dass Schlaf kein „Ausknopf“, sondern eine aktive Phase für das Gehirn ist.
- Im Tiefschlaf arbeitet ein Reinigungssystem des Gehirns (glymphatisches System), das Abfallstoffe und fehlgefaltete Proteine wie Alpha‑Synuclein besser abtransportiert und so möglicherweise zur langfristigen Hirngesundheit beiträgt.
- Im REM-Schlaf (Traumschlaf) ist das Gehirn sehr aktiv und verarbeitet Erlebtes, während die Muskulatur normalerweise weitgehend gelähmt ist, damit Träume nicht körperlich ausagiert werden.
- Wenn der Tiefschlaf dauerhaft gestört ist oder die Lähmung im REM-Schlaf verloren geht, steigt nach heutigem Kenntnisstand das Risiko für Erkrankungen wie Parkinson und andere Synukleinopathien – oft viele Jahre, bevor typische motorische Symptome auftreten.
Diese Mechanismen sind nicht auf Parkinson beschränkt, sondern betreffen auch MSA, weil hier ähnliche Eiweißablagerungen im Gehirn eine Rolle spielen, ohne jedoch eine sichere Vorhersage zu erlauben.
MSA und REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD)
MSA ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung mit Störungen des autonomen Nervensystems, von Bewegungsabläufen und häufig auch des Schlafs. Ein besonderes Thema ist die sogenannte REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD), die als starker Marker für eine zugrunde liegende Synukleinopathie gelten kann.
- Bei RBD geht die normale Muskel-Lähmung im REM-Schlaf teilweise oder vollständig verloren. Betroffene bewegen sich, sprechen oder „kämpfen“ im Schlaf und spielen ihre Träume gewissermaßen nach.
- Studien zeigen, dass ein sehr hoher Anteil der Menschen mit MSA im Verlauf eine RBD entwickelt; polysomnografische Untersuchungen fanden bei einem Großteil der untersuchten MSA-Patienten entsprechende Auffälligkeiten.
- RBD kann in manchen Fällen schon Jahre vor den typischen MSA-Symptomen auftreten und gilt als wichtiger Hinweis auf eine mögliche zugrunde liegende Synukleinopathie. Dennoch entwickeln nicht alle Menschen mit RBD später MSA oder Parkinson, und nicht alle MSA‑Betroffenen haben früh eine RBD.
Typische Beobachtungen, bei denen Pflegende und Angehörige aufmerksam werden sollten:
- Sprechen, Rufen, Lachen oder Schreien im Schlaf
- Schlag- oder Trittbewegungen, Greifen oder „Abwehren“ im Traum
- Stürze aus dem Bett oder unerklärliche blaue Flecken am Morgen
Diese Auffälligkeiten sollten immer beim behandelnden Arzt oder der Ärztin angesprochen werden.
Was Betroffene und Angehörige konkret tun können
1. Schlafverhalten beobachten und ansprechen
Schlafstörungen sind bei MSA keine „Nebensache“, sondern gehören häufig zum Krankheitsbild, können Symptome verschlechtern und den Alltag stark belasten. Hilfreich ist es, wenn Betroffene und Angehörige:
- Auffällige nächtliche Bewegungen, lautes Schnarchen, Atempausen, pfeifende Geräusche (Stridor), häufiges Erwachen oder starke Tagesmüdigkeit kurz notieren (Datum, Uhrzeit, was genau beobachtet wurde).
- Diese Beobachtungen in der neurologischen oder schlafmedizinischen Sprechstunde gezielt ansprechen. Oft ist eine Untersuchung im Schlaflabor (Polysomnographie) sinnvoll. Dort kann man RBD, Schlafapnoe oder andere Störungen genauer einordnen bzw. bestätigen. Dabei werden Hirnströme, Atmung, Bewegungen, Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung aufgezeichnet, sodass ein detailliertes Bild des individuellen Schlafprofils entsteht.
2. Schlafumgebung sicher gestalten
Werden Träume körperlich ausgelebt, kann es zu Stürzen und Verletzungen kommen. Häufig empfohlene Maßnahmen sind:
- Das Bett niedriger stellen und scharfe Kanten oder harte Möbel in Bettnähe polstern.
- Glas, schwere Lampen und harte Gegenstände aus der unmittelbaren Reichweite entfernen.
- Kabel sollten so verlegt werden, dass keine Gefahr besteht, darin hängen zu bleiben oder darüber zu stolpern.
- Je nach Schweregrad werden zusätzliche Matten neben dem Bett oder – in Einzelfällen – getrennte Betten benötigt. Letzters dient zum Schutz des Partners. Diese Maßnahmen sollten in Absprache mit den behandelnden Ärzten und dem Pflegepersonal getroffen werden.
3. Vorsicht mit Schlafmitteln – Fokus auf Schlafhygiene
Der WELT‑Artikel betont, dass viele frei verkäufliche Schlafmittel eher betäubend (sedierend) wirken, als dass sie den natürlichen Schlafrhythmus unterstützen. Bei MSA kommen zusätzliche Risiken wie Atemstörungen, Blutdruckschwankungen und Tagesmüdigkeit hinzu.
- Schlafmittel und Melatonin sollten bei MSA nur nach ärztlicher Rücksprache eingesetzt werden. Idealerweise von Fachpersonen mit Erfahrung in Bewegungsstörungen und Schlafmedizin.
- Internationale Empfehlungen sehen bei chronischer Ein- und Durchschlafstörung kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (CBT‑I) und strukturierte Schlafhygiene als erste Wahl.
- Laut MSA Trust UK gehören dazu regelmäßige Schlaf- und Aufstehzeiten, eine ruhige, dunkle und eher kühle Schlafumgebung sowie ein bewusster Umgang mit Bildschirmzeit, schwerem Essen und Alkohol am Abend.
Warum das Thema ernst genommen werden sollte
Neuere Studien legen nahe, dass Umfang und Schwere von Schlafstörungen bei MSA mit dem Schweregrad der Erkrankung zusammenhängen können. Gleichzeitig spricht vieles dafür, dass ein möglichst guter, ungestörter Schlaf die natürliche „Reinigung“ des Gehirns unterstützt und damit ein wichtiger Baustein in der Versorgung bei MSA sein kann. Das wiederum verbessert die Lebensqualität, sorgt für mehr Sicherheit und beeinflusst möglicherweise auch den Krankheitsverlauf.
Wie lange man schlafen sollte, lässt sich nicht pauschal sagen. Entscheidend ist, dass der Schlaf zum eigenen Rhythmus passt. Dieter Kunze, Chefarzt der Klinik für Schlaf- und Chronomedizin im St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin, fragt Patienten mit Schlafstörungen gerne:“Wenn Sie mit 20 auf einer einsamen Südseeinsel gestranden wären, wann wären Sie ins Bett gegangen, wann hätten Sie geschlafen?“ Die Antwort wäre ein Startpunkt, um den idealen Schlafrhythmus zu finden.
Quellen und weiterführende Informationen (Auswahl)
- WELT+: „Gesund schlafen: ‚Daran können wir zehn Jahre zuvor sehen, ob ein erhöhtes Parkinson-Risiko besteht‘“, 02.01.2026, Link zum Artikel (paywall)
- Multiple System Atrophy Trust: Factsheet „Sleep in MSA“, 31.12.2025, Link zum MSA Trust UK (englisch)
- Ageing and Neurodegenerative Diseases: „Sleep, glymphatic system, and Parkinson’s disease‘“ (2024), 02.01.2026, Link zur Studie (englisch)
- Thieme Natürliche Medizin: „Gestörter Traumschlaf als Parkinson-Risikofaktor“ (2023), Medizinische Hochschule Hannover, 02.01.2026, Link zur Studie
- Frontiers in Neurology: „REM Sleep Behaviour Disorder in Multiple System Atrophy: From Prodromal to Progression of Disease“ (2021), 02.01.2026, Link zur Studie (englisch)
- PMC PubMed Central: „Prevalence of REM sleep behavior disorder in multiple system atrophy: a multicenter study and meta-analysis“ (2015), 02.01.2026, Link zur Studie (englisch)
- ScienceDirect: „Sleep disturbances in probable multiple system atrophy“ (2024), 02.01.2026, Link zur ScienceDirect Datenbank (englisch)
- PMC PubMed Central: „Sleep-related symptoms in multiple system atrophy: determinants and impact on disease severity“ (2020), 02.01.2026, Link zur Studie (englisch)
- PMC PubMed Central: „The Sleeping Brain: Harnessing the Power of the Glymphatic System through Lifestyle Choices“ (2020), 02.01.2026, Link zur Studie (englisch)
MSA Leben wird solche Meldungen aus der Berichterstattung weiter aufgreifen, einordnen und um MSA-spezifische Informationen ergänzen. So können Betroffene und Angehörige konkrete Fragen bei ihren Arztterminen stellen.